Ich gehöre der katholischen Kirche an und habe selbst alle Formen der Initiation in diese Organisation wie Taufe, Erstkommunion und Firmung über mich ergehen lassen. Ich habe auch meine Tochter im letzten Jahr zur Erstkommunion geschickt. Mein Sohn wird im nächsten Jahr seine Erstkommunion feiern.
Ich mag Kirchen, mir gefällt das Flair aus Kerzen, religiösen Figuren und Baukunst. Besuche ich fremde Städte, gehe ich gerne in die Kirchen dort. Ich bestaune die bunten Fenster, die Kunstwerke. Besonders spannend finde ich in den besonders touristischen Zielen wie Sacre Cour oder dem Vatikandom diese Kombination aus meditativer Anbetung und tuschelnden, flüsternden und fotografierenden Touristen. Ob es sich dann übrigens um katholische oder auch evangelische, anglikanische oder orthodoxe Gotteshäuser handelt, ist mir in meiner Faszination gegenüber dem Gebäude an sich völlig gleichgültig. Aber mag auch meine vertrauten Kirchen. Hier finde ich eine besondere Form der Stille, die zum Teil je nach Dicke der Grundmauern tatsächlich erstklassig die Außengeräusche abschirmt.
Mir gefällt zudem aber auch der Bereich der Gemeinschaft, der durch seine Allgegenwärtigkeit aber auch überall - zumindest in Deutschland - verfügbar ist. Wäre mir in einer fremden Stadt nach einem Gespräch mit einem Priester, so würde ich ihn sicher schnell finden.
Gleichzeitig muss ich jetzt aber dem Bild einer fast schon kindlich naiv wirkenden Volksfrömmigkeit meinerseits entgegen treten und zugeben, dass mir die dogmatischen Regeln und Messabläufe immer schon überfrachtet erschienen. Jeder Handgriff ist vorgegeben, jeder Ton scheint zu sitzen. Besuche ich einen Gottesdienst in Köln, so sind die Abläufe fast identisch mit denen in Berlin, München oder Hamburg. Dies schafft auf der einen Seite eine Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit, die Sicherheit und Halt geben kann, auf der anderen Seite hat sie aber etwas Einengendes und Unterdrückendes.
Wie besonders diskriminierend die Kirche sein kann, erfuhr ich schon kurz nach meiner Erstkommunion. Ich wollte Messdiener werden, wie es einige Klassenkameraden durften. Aber unser erzkonservativer Pastor in den ausgehenden Siebziger Jahren duldete keine Frauen im Messablauf. Bis zu meiner Firmung war der alte Pastor dann glücklicherweise in seinen wohlverdienten Ruhestand gewechselt und der neue öffnete sich auch der Gleichberechtigung im Gotteshaus, aber da wollte ich dann nicht mehr Messdienerin werden - der Zug war für mich abgefahren.
Seither gehöre ich eher der Seite der kritischen, 'modernen' Katholiken an und habe vor allem zu Studienzeiten viel Zeit mit den Schriften von Karl Rahner, Eugen Drewermann, Hans Küng und anderen verbracht, die sich kritisch mit dem verstaubten Klerus auseinandersetzten. Und ich habe viel gefunden, dass mich eigentlich lockerst zu einer Konvertierung zur evangelischen Kirche oder gar zu einem Kirchenaustritt hätte bewegen können: So traf ich Menschen, die aufgrund einer Scheidung nicht mehr in der Kirche oder in zur Kirche gehörenden Sozialeinrichtungen arbeiten durften. Ich arbeitete in einer katholischen Bildungseinrichtung, die kirchenkritische Referenten einlud und daraufhin eine Kürzung der kirchlichen Zuschüsse um 100 % zu verkraften hatte. Ich traf sehr nette evangelische Pastorinnen, die mich endgültig davon überzeugten, dass auch Frauen sehr charismatische und spannende Messen halten können. Ich traf Priester, die sich gut mit dem Zölibat eingerichtet hatten, aber auch solche, die daran gescheitert waren.
Ich fand aber auch eine Verbindlichkeit in christlichen Gemeinden - konfessions-übergreifend -, die sich gemeinsam gegen die Diskriminierung von Frauen, Ausländern und Andersgläubigen äußerten. Die die christlichen Werte lebten, ohne mit einem Vorschlaghammer Regeln und Dogmen durchzusetzen.
Und so zahle ich immer noch Kirchensteuer.
Würde ich meinen kleinen Zenmeister im christlichen Bereich ansiedeln müssen, so hätte er von seinen Einstellungen her vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit jemandem wie Frére Roger aus Taizé: Ruhig, gelassen, verbindlich, unorthodox und ökumenisch. Aber mein kleiner Zenmeister geht noch darüber hinaus. Keine Regeln, keine Gesänge, keine Urteile. So sehe ich ihn. Entsprechend der Zenbuddhistischen Regel, dass es keine Regel gibt.
Warum ich meine Kinder dennoch katholisch erziehe, erkläre ich dann morgen!
