Eine Frau auf der Suche nach mehr Gelassenheit!





Dienstag, 5. August 2014

4. Muss man meditieren, um zur Haltung des Zen zu kommen?

Zenbuddhismus ist eine Haltung, deren Grundidee darin besteht, der Gedankenflut Herr zu werden und das Ich letztlich aufzulösen. Um dies zu erreichen, verbringen Zenschüler viele Stunden täglich in Meditation. Mit diesem Zustand der sitzenden Selbstversenkung (auch Zaren) genannt wird versucht, das Selbst loszulassen. Letztlich ist diese Sitzmeditation die entscheidende Grundlage, um Zen zu praktizieren.

Es gibt neben der Meditation aber noch andere Wege, zu Ruhe und innerem Frieden zu finden. Da wäre zum einen die Gehmeditation zu nennen. Hier wird zwar genauso meditiert, wie beim Zazen, die Meditation findet aber in Bewegung statt. Damit die Aufmerksamkeit nicht zu stark auf den Weg gerichtet ist, gehen die Meditierenden oft im Kreis oder eine fest abgesteckte Strecke.

Eine andere Möglichkeit ist die der Achtsamkeit. Hiermit ist die Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit des Geistes im alltäglichen Tun gemeint. Von Thich Naht Hanh, einem vietnamesichen Mönch, habe ich einmal folgende Übung gelesen: Der Schüler soll eine so alltägliche Aufgabe wie die des Spülens verrichten. Dabei soll er die Arbeit aber nicht wie üblich schnell und unaufmerksam erledigen, sondern genau im Gegenteil sehr langsam jedem einzelnen zu spülenden Gegenstand seine komplette und volle Aufmerksamkeit widmen. Wie fühlt sich der Teller an, wie das Wasser? Wie empfinde ich die Temperatur des Wassers - ist die Temperatur angenehm? Es ist nicht eine einfache Konzentration auf die Handlung "Spülen" gemeint, die die Gedanken auf die Aktion lenkt und den Rest ausblendet. Stattdessen werden alle Sinne in die Erfahrung des Spülens mit eingebunden. Neben den Handlungen werden auch die Gefühle einer genauen achtsamen Untersuchung unterzogen. Wie fühlt sich diese Situation an? Ist es mir kalt oder vielleicht doch eher warm? Wichtig ist dabei, dass die Situationen und Gefühle nicht bewertet werden. Es sollen keine Urteile über die Situation gefällt werden ("Dass X seine Tassen nicht ausspülen kann. Jetzt ist alles verklebt und eingetrocknet.") oder die Situation mit anderen vergleichen werden ("Das Wasser ist so kalt! Das erinnert mich an damals, als ich..."). Die Gegenwärtigkeit des Augenblicks, die volle Aufmerksamkeit auf die Aktion, ähnelt für mich in gewisser Weise dem kindlichen Spiel. Zwar überlegen Kinder nicht bewusst, wie sich ein Lego-Stein nun genau anfühlt. Aber sie sind mit all ihren Sinnen und ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit in der Situation. Erst im Laufe der Zeit beginnen sie, ihr Spiel mit Gedanken und Erinnerungen zu verknüpfenIch bin keine Wissenschaftlerin und möchte hier gar nicht so tief in die Materie eindringen, aber mich erinnert die Achtsamkeit sehr an das Erleben des Flow, wie es Mihály Csíkszentmihályi formuliert hat: Die völlige Vertiefung in ein Geschehen.

Aber wie weit muss ich gehen, wenn ich die Haltung des Zen einnehmen will?

Mein kleiner Zenmeister lächelt weise und meint: "Was willst du? Willst du eine Haltung der Gelassenheit einnehmen oder willst du Zenschülerin sein?"

Natürlich schließt das eine das andere nicht aus, aber letztlich bedingt die Haltung nicht ein Leben als Zenschüler. Daher kann ich für mich ganz klar antworten: "Ich möchte die Haltung verinnerlichen, aber ich sehe meine Bestimmung nicht darin, gleich Mönch oder Zenschüler zu werden."

Ist für die Haltung aber Meditation zwingend? Ich bin ein hibbeliger Mensch, sobald ich mich still hinsetzen muss, habe ich das Gefühl, als würden Ameisen über mich krabbeln. Und wenn ich mich im Schneidersitz oder im Lotussitz auf den Boden setze, schlafen mir nach zehn Minuten derart die Füße ein, dass ich unweigerlich aufstehen und meine Beine aufwecken möchte. Hier wird gleich die Doppeldeutigkeit des Wortes "Haltung" deutlich: Aus der geistigen Haltung, der disziplinierten Verweigerung gegenüber der weltlichen Illusion, wird auch die körperliche Haltung des disziplinierten Sitzens. Schaffe ich die geistige Disziplin nicht, wenn ich schon selbst die körperliche nicht beherrsche?

Ich denke, ich sollte mich noch näher damit befassen, was Meditation eigentlich ist. Wie geht sie? Was bewirkt sie? Vielleicht lässt sich die Antwort auf die Titelfrage dann abschließend beantworten.

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