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Sonntag, 3. August 2014

3. Was ist ein Zenmeister? - Teil 1 der Spurensuche

"Warum bist Du ein Zenmeister und nicht etwa ein katholischer Geistlicher, ein Mönch oder meinetwegen auch ein Voodoo-Priester?", frage ich den kleinen Meister.

Er schaut mich vor meinem inneren Auge etwas erstaunt an. "Wie kann ich mich erklären, wenn ich deine Schöpfung bin? Erkläre du mich bitte!"

Mist!

Also versuche ich mich an einer Erklärung dessen, was ein Zenmeister für mich ist - und gerate nicht nur ob der sommerlichen Temperaturen, die auch der Ventilator nicht zu senken vermag, ins Schwitzen. Denn immerhin nenne ich die weise Stimme aus dem Hintergrund, die sich meistens sanft, aber oft auch mit Schärfe und Nachdruck in mein Denken stiehlt, seit Jahren ohne weitere Reflexion "Zenmeister". Es geschah einfach aufgrund eines Impulses, eines inneren Bildes - und seitdem halte ich dieses Bild aufrecht.

In meinem Bild sieht mein kleiner Zenmeister einfach aus wie ein buddhistischer Mönch: rote Robe über dunkler Haut, alt und kahlköpfig. Bei genauerem Nachdenken fällt mir ein, dass ich mit Anfang Zwanzig ein Buch des niederländischen Autors Janwillem van de Wetering gelesen hatte mit dem Titel: "Der leere Spiegel - Erfahrung in einem japanischen Zen-Kloster". Es war mein erster Kontakt mit dem Zenbuddhismus - und war der Startschuss für meine bis heute währende, im Grunde allerdings doch recht oberflächliche Beschäftigung mit ihm. Beim Lesen des Buches erschien ein alter Meister vor meinem inneren Auge, der meinem kleinen Zenmeister doch überzeugend ähnelt. Als streng und unnachgiebig habe ich den Zenmeister aus van de Weterings Buch in Erinnerung. Mein Bild muss sich im Laufe der Jahre weichgezeichnet haben zu einem sanften, milden Meister, der - auf meine Bedürfnisse angepasst - nicht mit der Rute, sondern etwas zynisch formuliert mit "Wattebällchen" auf mich eingeht.

Um mein Bild von der Optik eines Zenmeisters zu vertiefen, google ich nun den Begriff, und finde unter den ersten hundert Bildern keinen einzigen alten Mönch mit roter Robe. Okay, das war wohl nix!

Von seinem Charakter her, ist mein Zenmeister wie gesagt sanft und milde. Er gibt weise Ratschläge, aber die Leitung überlässt er mir - wie könnte er auch anders, da er ja nun immerhin keine Macht über meine Handlungen hat. Er hilft mir, eine vorurteilsfreie Haltung einzunehmen, indem er mich ermahnt, sobald ich Vorurteile aufbaue. Ärger oder Oberflächlichkeiten ordnet er als Projektionen ein, die ihren Ursprung nicht im Gegenüber, sondern in meiner eigenen Unzulänglichkeit haben. Aber ist das seine Aufgabe?

Wo ich schon mal gerade den Computer anhabe, google ich gleich mal das Wort Zenmeister: Als Zen wird eine Strömung des Buddhismus bezeichnet, deren hauptsächliches Charakteristikum die Meditation ist.

Um das Leben zu meistern, braucht der Mensch - laut buddhistischer Meinung - nichts. So gibt der Zenbuddhismus dann auch keine Regeln vor, erklärt nichts und gibt keine Hilfen. Eigentlich würde es dem Zenbuddhismus reichen, einfach nur zu leben, ohne Forderungen, ohne Zwänge, ohne Urteile.

Nun haben wir aber ein Bewusstsein, dass wir als "Ich" interpretieren - der Ausdruck unserer Persönlichkeit, unserer Wünsche und Bedürfnisse. Die Anhaftung von uns Menschen an unser Ich führt jedoch zu Leiden: Das Ich interpretiert für uns eine Welt voller Vorurteile, Messlatten, voller Scheinwahrheiten und Projektionen, die uns in den Wettbewerb mit anderen schicken und die uns vorgaukeln, besser oder schlechter als "die Anderen" zu sein. Das daraus resultierende Leiden lässt sich nur dann verhindern, wenn das Ich aufgelöst wird. Dies schafft der Zenschüler, indem er sich komplett der Gegenwärtigkeit hingibt, in der alle Illusionen wegfallen. In der Achtsamkeit des Moments spielen Vorurteile oder Projektionen keine Rolle mehr. Die Gedanken und damit die Interpretationen des Moments sollen ausgeschaltet werden. Neben der Gegenwärtigkeit ist die Meditation, also die Versenkung in Stille, eine Möglichkeit, dem Gedankenkarussell zu entkommen.

Ein Zenmeister ist weit fortgeschritten darin, sich dem Moment hinzugeben. Die Illusionen der äußeren Welt erkennt er und er ist darüber hinaus ein charismatischer Lehrer, der seinen Schülern dabei helfen kann, selbst in diesen Zustand der Erleuchtung durch die Überwindung des Ichs zu gelangen. Den Titel des Meisters erhält er dabei als Zeichen des Respekts, nicht aufgrund irgendeiner Prüfung oder besonderer Leistungen.

Mein kleiner Zenmeister lächelt. "Und was unterscheidet mich nun von einem christlichen Priester?"


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