Eine Frau auf der Suche nach mehr Gelassenheit!





Sonntag, 10. August 2014

5. Was ist ein Zenmeister? - Teil 2: Katholizismus vs. Zen

"Ja", antworte ich meinem Zenmeister, "es ist doch völlig klar, dass zum Beispiel ein katholischer Priester als Ursprung meiner inneren Stimme nicht geeignet gewesen wäre."

Ich gehöre der katholischen Kirche an und habe selbst alle Formen der Initiation in diese Organisation wie Taufe, Erstkommunion und Firmung über mich ergehen lassen. Ich habe auch meine Tochter im letzten Jahr zur Erstkommunion geschickt. Mein Sohn wird im nächsten Jahr seine Erstkommunion feiern.
Ich mag Kirchen, mir gefällt das Flair aus Kerzen, religiösen Figuren und Baukunst. Besuche ich fremde Städte, gehe ich gerne in die Kirchen dort. Ich bestaune die bunten Fenster, die Kunstwerke. Besonders spannend finde ich in den besonders touristischen Zielen wie Sacre Cour oder dem Vatikandom diese Kombination aus meditativer Anbetung und tuschelnden, flüsternden und fotografierenden Touristen. Ob es sich dann übrigens um katholische oder auch evangelische, anglikanische oder orthodoxe Gotteshäuser handelt, ist mir in meiner Faszination gegenüber dem Gebäude an sich völlig gleichgültig. Aber mag auch meine vertrauten Kirchen. Hier finde ich eine besondere Form der Stille, die zum Teil je nach Dicke der Grundmauern tatsächlich erstklassig die Außengeräusche abschirmt.
Mir gefällt zudem aber auch der Bereich der Gemeinschaft, der durch seine Allgegenwärtigkeit aber auch überall - zumindest in Deutschland - verfügbar ist. Wäre mir in einer fremden Stadt nach einem Gespräch mit einem Priester, so würde ich ihn sicher schnell finden.

Gleichzeitig muss ich jetzt aber dem Bild einer fast schon kindlich naiv wirkenden Volksfrömmigkeit meinerseits entgegen treten und zugeben, dass mir die dogmatischen Regeln und Messabläufe immer schon überfrachtet erschienen. Jeder Handgriff ist vorgegeben, jeder Ton scheint zu sitzen. Besuche ich einen Gottesdienst in Köln, so sind die Abläufe fast identisch mit denen in Berlin, München oder Hamburg. Dies schafft auf der einen Seite eine Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit, die Sicherheit und Halt geben kann, auf der anderen Seite hat sie aber etwas Einengendes und Unterdrückendes.

Wie besonders diskriminierend die Kirche sein kann, erfuhr ich schon kurz nach meiner  Erstkommunion. Ich wollte Messdiener werden, wie es einige Klassenkameraden durften. Aber unser erzkonservativer Pastor in den ausgehenden Siebziger Jahren duldete keine Frauen im Messablauf. Bis zu meiner Firmung war der alte Pastor dann glücklicherweise in seinen wohlverdienten Ruhestand gewechselt und der neue öffnete sich auch der Gleichberechtigung im Gotteshaus, aber da wollte ich dann nicht mehr Messdienerin werden - der Zug war für mich abgefahren.
Seither gehöre ich eher der Seite der kritischen, 'modernen' Katholiken an und habe vor allem zu Studienzeiten viel Zeit mit den Schriften von Karl Rahner, Eugen Drewermann, Hans Küng und anderen verbracht, die sich kritisch mit dem verstaubten Klerus auseinandersetzten. Und ich habe viel gefunden, dass mich eigentlich lockerst zu einer Konvertierung zur evangelischen Kirche oder gar zu einem Kirchenaustritt hätte bewegen können: So traf ich Menschen, die aufgrund einer Scheidung nicht mehr in der Kirche oder in zur Kirche gehörenden Sozialeinrichtungen arbeiten durften. Ich arbeitete in einer katholischen Bildungseinrichtung, die kirchenkritische Referenten einlud und daraufhin eine Kürzung der kirchlichen Zuschüsse um 100 % zu verkraften hatte. Ich traf sehr nette evangelische Pastorinnen, die mich endgültig davon überzeugten, dass auch Frauen sehr charismatische und spannende Messen halten können. Ich traf Priester, die sich gut mit dem Zölibat eingerichtet hatten, aber auch solche, die daran gescheitert waren.

Ich fand aber auch eine Verbindlichkeit in christlichen Gemeinden - konfessions-übergreifend -, die sich gemeinsam gegen die Diskriminierung von Frauen, Ausländern und Andersgläubigen äußerten. Die die christlichen Werte lebten, ohne mit einem Vorschlaghammer Regeln und Dogmen durchzusetzen.

Und so zahle ich immer noch Kirchensteuer.

Würde ich meinen kleinen Zenmeister im christlichen Bereich ansiedeln müssen, so hätte er von seinen Einstellungen her vielleicht am ehesten Ähnlichkeit mit jemandem wie Frére Roger aus Taizé: Ruhig, gelassen, verbindlich, unorthodox und ökumenisch. Aber mein kleiner Zenmeister geht noch darüber hinaus. Keine Regeln, keine Gesänge, keine Urteile. So sehe ich ihn. Entsprechend der Zenbuddhistischen Regel, dass es keine Regel gibt.

Warum ich meine Kinder dennoch katholisch erziehe, erkläre ich dann morgen!


Dienstag, 5. August 2014

4. Muss man meditieren, um zur Haltung des Zen zu kommen?

Zenbuddhismus ist eine Haltung, deren Grundidee darin besteht, der Gedankenflut Herr zu werden und das Ich letztlich aufzulösen. Um dies zu erreichen, verbringen Zenschüler viele Stunden täglich in Meditation. Mit diesem Zustand der sitzenden Selbstversenkung (auch Zaren) genannt wird versucht, das Selbst loszulassen. Letztlich ist diese Sitzmeditation die entscheidende Grundlage, um Zen zu praktizieren.

Es gibt neben der Meditation aber noch andere Wege, zu Ruhe und innerem Frieden zu finden. Da wäre zum einen die Gehmeditation zu nennen. Hier wird zwar genauso meditiert, wie beim Zazen, die Meditation findet aber in Bewegung statt. Damit die Aufmerksamkeit nicht zu stark auf den Weg gerichtet ist, gehen die Meditierenden oft im Kreis oder eine fest abgesteckte Strecke.

Eine andere Möglichkeit ist die der Achtsamkeit. Hiermit ist die Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit des Geistes im alltäglichen Tun gemeint. Von Thich Naht Hanh, einem vietnamesichen Mönch, habe ich einmal folgende Übung gelesen: Der Schüler soll eine so alltägliche Aufgabe wie die des Spülens verrichten. Dabei soll er die Arbeit aber nicht wie üblich schnell und unaufmerksam erledigen, sondern genau im Gegenteil sehr langsam jedem einzelnen zu spülenden Gegenstand seine komplette und volle Aufmerksamkeit widmen. Wie fühlt sich der Teller an, wie das Wasser? Wie empfinde ich die Temperatur des Wassers - ist die Temperatur angenehm? Es ist nicht eine einfache Konzentration auf die Handlung "Spülen" gemeint, die die Gedanken auf die Aktion lenkt und den Rest ausblendet. Stattdessen werden alle Sinne in die Erfahrung des Spülens mit eingebunden. Neben den Handlungen werden auch die Gefühle einer genauen achtsamen Untersuchung unterzogen. Wie fühlt sich diese Situation an? Ist es mir kalt oder vielleicht doch eher warm? Wichtig ist dabei, dass die Situationen und Gefühle nicht bewertet werden. Es sollen keine Urteile über die Situation gefällt werden ("Dass X seine Tassen nicht ausspülen kann. Jetzt ist alles verklebt und eingetrocknet.") oder die Situation mit anderen vergleichen werden ("Das Wasser ist so kalt! Das erinnert mich an damals, als ich..."). Die Gegenwärtigkeit des Augenblicks, die volle Aufmerksamkeit auf die Aktion, ähnelt für mich in gewisser Weise dem kindlichen Spiel. Zwar überlegen Kinder nicht bewusst, wie sich ein Lego-Stein nun genau anfühlt. Aber sie sind mit all ihren Sinnen und ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit in der Situation. Erst im Laufe der Zeit beginnen sie, ihr Spiel mit Gedanken und Erinnerungen zu verknüpfenIch bin keine Wissenschaftlerin und möchte hier gar nicht so tief in die Materie eindringen, aber mich erinnert die Achtsamkeit sehr an das Erleben des Flow, wie es Mihály Csíkszentmihályi formuliert hat: Die völlige Vertiefung in ein Geschehen.

Aber wie weit muss ich gehen, wenn ich die Haltung des Zen einnehmen will?

Mein kleiner Zenmeister lächelt weise und meint: "Was willst du? Willst du eine Haltung der Gelassenheit einnehmen oder willst du Zenschülerin sein?"

Natürlich schließt das eine das andere nicht aus, aber letztlich bedingt die Haltung nicht ein Leben als Zenschüler. Daher kann ich für mich ganz klar antworten: "Ich möchte die Haltung verinnerlichen, aber ich sehe meine Bestimmung nicht darin, gleich Mönch oder Zenschüler zu werden."

Ist für die Haltung aber Meditation zwingend? Ich bin ein hibbeliger Mensch, sobald ich mich still hinsetzen muss, habe ich das Gefühl, als würden Ameisen über mich krabbeln. Und wenn ich mich im Schneidersitz oder im Lotussitz auf den Boden setze, schlafen mir nach zehn Minuten derart die Füße ein, dass ich unweigerlich aufstehen und meine Beine aufwecken möchte. Hier wird gleich die Doppeldeutigkeit des Wortes "Haltung" deutlich: Aus der geistigen Haltung, der disziplinierten Verweigerung gegenüber der weltlichen Illusion, wird auch die körperliche Haltung des disziplinierten Sitzens. Schaffe ich die geistige Disziplin nicht, wenn ich schon selbst die körperliche nicht beherrsche?

Ich denke, ich sollte mich noch näher damit befassen, was Meditation eigentlich ist. Wie geht sie? Was bewirkt sie? Vielleicht lässt sich die Antwort auf die Titelfrage dann abschließend beantworten.

Sonntag, 3. August 2014

3. Was ist ein Zenmeister? - Teil 1 der Spurensuche

"Warum bist Du ein Zenmeister und nicht etwa ein katholischer Geistlicher, ein Mönch oder meinetwegen auch ein Voodoo-Priester?", frage ich den kleinen Meister.

Er schaut mich vor meinem inneren Auge etwas erstaunt an. "Wie kann ich mich erklären, wenn ich deine Schöpfung bin? Erkläre du mich bitte!"

Mist!

Also versuche ich mich an einer Erklärung dessen, was ein Zenmeister für mich ist - und gerate nicht nur ob der sommerlichen Temperaturen, die auch der Ventilator nicht zu senken vermag, ins Schwitzen. Denn immerhin nenne ich die weise Stimme aus dem Hintergrund, die sich meistens sanft, aber oft auch mit Schärfe und Nachdruck in mein Denken stiehlt, seit Jahren ohne weitere Reflexion "Zenmeister". Es geschah einfach aufgrund eines Impulses, eines inneren Bildes - und seitdem halte ich dieses Bild aufrecht.

In meinem Bild sieht mein kleiner Zenmeister einfach aus wie ein buddhistischer Mönch: rote Robe über dunkler Haut, alt und kahlköpfig. Bei genauerem Nachdenken fällt mir ein, dass ich mit Anfang Zwanzig ein Buch des niederländischen Autors Janwillem van de Wetering gelesen hatte mit dem Titel: "Der leere Spiegel - Erfahrung in einem japanischen Zen-Kloster". Es war mein erster Kontakt mit dem Zenbuddhismus - und war der Startschuss für meine bis heute währende, im Grunde allerdings doch recht oberflächliche Beschäftigung mit ihm. Beim Lesen des Buches erschien ein alter Meister vor meinem inneren Auge, der meinem kleinen Zenmeister doch überzeugend ähnelt. Als streng und unnachgiebig habe ich den Zenmeister aus van de Weterings Buch in Erinnerung. Mein Bild muss sich im Laufe der Jahre weichgezeichnet haben zu einem sanften, milden Meister, der - auf meine Bedürfnisse angepasst - nicht mit der Rute, sondern etwas zynisch formuliert mit "Wattebällchen" auf mich eingeht.

Um mein Bild von der Optik eines Zenmeisters zu vertiefen, google ich nun den Begriff, und finde unter den ersten hundert Bildern keinen einzigen alten Mönch mit roter Robe. Okay, das war wohl nix!

Von seinem Charakter her, ist mein Zenmeister wie gesagt sanft und milde. Er gibt weise Ratschläge, aber die Leitung überlässt er mir - wie könnte er auch anders, da er ja nun immerhin keine Macht über meine Handlungen hat. Er hilft mir, eine vorurteilsfreie Haltung einzunehmen, indem er mich ermahnt, sobald ich Vorurteile aufbaue. Ärger oder Oberflächlichkeiten ordnet er als Projektionen ein, die ihren Ursprung nicht im Gegenüber, sondern in meiner eigenen Unzulänglichkeit haben. Aber ist das seine Aufgabe?

Wo ich schon mal gerade den Computer anhabe, google ich gleich mal das Wort Zenmeister: Als Zen wird eine Strömung des Buddhismus bezeichnet, deren hauptsächliches Charakteristikum die Meditation ist.

Um das Leben zu meistern, braucht der Mensch - laut buddhistischer Meinung - nichts. So gibt der Zenbuddhismus dann auch keine Regeln vor, erklärt nichts und gibt keine Hilfen. Eigentlich würde es dem Zenbuddhismus reichen, einfach nur zu leben, ohne Forderungen, ohne Zwänge, ohne Urteile.

Nun haben wir aber ein Bewusstsein, dass wir als "Ich" interpretieren - der Ausdruck unserer Persönlichkeit, unserer Wünsche und Bedürfnisse. Die Anhaftung von uns Menschen an unser Ich führt jedoch zu Leiden: Das Ich interpretiert für uns eine Welt voller Vorurteile, Messlatten, voller Scheinwahrheiten und Projektionen, die uns in den Wettbewerb mit anderen schicken und die uns vorgaukeln, besser oder schlechter als "die Anderen" zu sein. Das daraus resultierende Leiden lässt sich nur dann verhindern, wenn das Ich aufgelöst wird. Dies schafft der Zenschüler, indem er sich komplett der Gegenwärtigkeit hingibt, in der alle Illusionen wegfallen. In der Achtsamkeit des Moments spielen Vorurteile oder Projektionen keine Rolle mehr. Die Gedanken und damit die Interpretationen des Moments sollen ausgeschaltet werden. Neben der Gegenwärtigkeit ist die Meditation, also die Versenkung in Stille, eine Möglichkeit, dem Gedankenkarussell zu entkommen.

Ein Zenmeister ist weit fortgeschritten darin, sich dem Moment hinzugeben. Die Illusionen der äußeren Welt erkennt er und er ist darüber hinaus ein charismatischer Lehrer, der seinen Schülern dabei helfen kann, selbst in diesen Zustand der Erleuchtung durch die Überwindung des Ichs zu gelangen. Den Titel des Meisters erhält er dabei als Zeichen des Respekts, nicht aufgrund irgendeiner Prüfung oder besonderer Leistungen.

Mein kleiner Zenmeister lächelt. "Und was unterscheidet mich nun von einem christlichen Priester?"